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Klimaneutrales Unternehmen: Anreiz auch für kleine Betriebe

Die Klimaerwärmung ist längst nicht gestoppt. Wissenschaftler zeichnen ein düsteres Szenario für den Fall, dass keine Kehrtwende erfolgt – und zwar eine tiefgreifende. Im Fokus steht dabei die Verringerung anthropogener Treibhausgas-Emissionen, vor allem von Kohlendioxid (CO2). Dies wäre mit deutlich mehr Energieeffizienz erreichbar. Eine Verantwortung, die alle übernehmen müssen. Jörg Roggensack, Unternehmensberater und Auditor der DQS, schildert im Interview, wie er vorgegangen ist.
Interview (c) Adobe Stock Klimaneutrales Unternehmen DQS

Verursacher von CO2-Emissionen, die hierzulande knapp 90 % des in die Atmosphäre eingebrachten Treibhausgases ausmachen, sind zum Beispiel (nach Anteilen):

  • Energieerzeugung – ca. 39 %
  • Industrie – ca. 23 %
  • Verkehr – ca. 20 % (inkl. Individualverkehr)
  • Gebäudewirtschaft – ca. 16 % (inkl. Privatwohnungen)
  • Landwirtschaft – ca. 2 % (allerdings Hauptproduzent des Treibhausgases Methan)

Systematische Ermittlung von CO2-Emissionen

Einen erheblichen Anteil an den vom Menschen verursachten CO2-Emissionen haben in Summe Unternehmen – aber entsprechend groß ist natürlich auch das Potenzial bei der Einsparung. So wird es auch in der Bevölkerung wahrgenommen, weshalb umweltfreundliches Wirtschaften z.B. bei Kaufentscheidungen oder der Wahl des Arbeitgebers eine immer größere Rolle spielt.

Die Voraussetzung für eine systematische Einsparung von CO2-Emission ist die korrekte Ermittlung des individuellen Corporate Carbon Footprints (CCF), der CO2-Bilanz eines Unternehmens und/oder seiner Produkte. Andere Treibhausgase werden im Zuge einer Bilanzierung in CO2-Äquvalente umgerechnet und ebenfalls erfasst.

Die Ermittlung erfolgt in der Regel entlang internationaler Leitfäden wie dem Greenhouse Gas Protocol (GHG Protocol) oder der Norm ISO 14064-1, die nach eingehender Überarbeitung seit 2018 auf Englisch und seit Februar 2019 auch auf Deutsch vorliegt. Dabei hat sich die Unterteilung der Emissionen in

  • Scope 1– Direkte Emissionen aus der Geschäftstätigkeit der Organisation z.B. aus  unternehmenseigenen Kraftwerken, Fahrzeugflotten oder chemischen Prozessen
  • Scope 2– Indirekte Emissionen, die bei der Erzeugung von Energie entsteht, die von außerhalb bezogen wird, dies sind vor allem Strom und Wärme
  • Scope 3– Indirekte Emissionen, die durch die Unternehmenstätigkeit verursacht werden, aber nicht unter der Kontrolle des Unternehmens stehen, z.B. bei Zulieferern, Dienstleistern, Kunden oder auch bei der Verwertung (Vor- und Nachkette).

weltweit durchgesetzt. Die Glaubwürdigkeit und Belastbarkeit der Treibhausgasbilanzen kann durch entsprechende Verifizierungen und Validierungen durch befähigte Gesellschaften erhöht werden.

Was ist ein klimaneutrales Unternehmen?

„Vermeiden – vermindern – kompensieren“: das sei die Kurzformel für klimaneutrales Vorgehen, erläutert die EnergieAgentur.NRW auf einer Infoseite. Erste Option sollte immer sein, den Ausstoß von Treibhausgasen zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren.

Doch oftmals seien CO2-Emissionen unvermeidbar, wenn der Geschäftsbetrieb zum Beispiel eines Unternehmens oder einer Kommune aufrecht erhalten bleiben soll. Emissionen entstünden beispielsweise durch industrielle Produktionsprozesse, durch den Energieverbrauch für Mobilität, bei größeren Events oder auch durch den täglichen Energieverbrauch im Privathaushalt.

Quelle: Klimaneutralität durch freiwillige Kompensation. Eine Informationsseite der EnergieAgentur.NRW

Organisationen haben dennoch die Möglichkeit sich „klimaneutral zu stellen“. Was Klimaneutralität bedeutet und was dabei zu beachten ist, wird in den folgenden Absätzen dargestellt.

Klimaneutralität bedeutet zunächst einmal nicht, dass ein Unternehmen keine Treibhausgase emittiert. Vielmehr gibt es Instrumente, die man nutzen kann, um die eigenen Emissionen zu kompensieren.

Für die ermittelten nicht vermeidbaren THG-Emissionen kauft das Unternehmen Zertifikate von Projekten, die nicht nur klimaneutral arbeiten, sondern Treibhausgase binden und damit klimapositiv sind, dies sind sogenannte CO2-Senken.

Wichtig bei der Auswahl solcher Klimaschutzprojekte sind u.a. die folgenden Punkte:

Erstens: Zusätzlichkeit: Die Projekte würden ohne die Finanzierung durch Kompensationszertifikate nicht bestehen.

Zweitens: Permanenz: Die Projekte sind auf Dauer angelegt. Z.B. werden Wälder durch Wiederaufforstungsprojekte nicht zu einem späteren Zeitpunkt wieder abgeholzt.

Drittens: Externe Anerkennung des Projekts z.B. durch Gold Standard, VCS

Nicht zu verwechseln sind die o.g. Zertifikate zur freiwilligen Kompensation von Treibhausgasemissionen mit dem Handel von Emissionsrechten gem. Kyoto-Protokoll – auch hier ist häufig von Zertifikaten die Rede.

Auch der Mittelstand kann CO2-Emissionen einsparen

Es sind aber nicht nur große Unternehmen der Energie- oder der Schwerindustrie, die die Atmosphäre mit THG-Emissionen belasten und damit den Klimawandel befördern. Auch KMU, und seien sie noch so klein, sind davon betroffen, wenn auch jeweils in viel geringerem Umfang. Ihrer Verantwortung können aber auch – und gerade – KMU gerecht werden: vielleicht einfacher, als gedacht!

Interview: Klimaneutrales Unternehmen – Wie wird man das?

Alena Kölsch, Produktmanagerin Umweltmanagement der DQS GmbH, hat sich mit Jörg Roggensack, Inhaber der Firma JR Management Services & Qualifizierung und Lead Auditor der DQS GmbH, darüber unterhalten, wie gerade auch kleine und kleinste Unternehmen CO2-neutrales Wirtschaften anstreben und erreichen können.

Herr Roggensack, seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema „klimaneutrales Wirtschaften“?

Seit dem Start meiner Selbstständigkeit bin ich Mitglied im „Berufsverband für Training, Beratung und Coaching BDVT“. Der BDVT ist erster CO2-neutraler Weiterbildungsverband in Deutschland. In diesem Zusammenhang bin ich auf das Thema „klimaneutrales Wirtschaften“ aufmerksam geworden.

Wirtschaft pro Klima

Was hat den Ausschlag gegeben, Ihr eigenes Unternehmen klimaneutral aufzustellen?

Ich arbeite nach den „Werten des ehrbaren Kaufmanns“. Nachhaltigkeit ist hier ein zentrales Thema. Zudem bin ich Lead-Auditor der DQS für die Umweltnorm ISO 14001 und EMASeasyTM-Berater. Ich versuche grundsätzlich, das, was ich als Auditor, Berater und Trainer an KMU weitergebe, auch selbst vorzuleben. Eine reine Zertifizierung nach ISO 14001 oder EMAS hat für mich nicht denselben Stellenwert, wie die tatsächliche Umsetzung von ständigen Optimierungen und das Leben von Werten.

Whitepaper THG-Bilanz ISO 14064-1

Whitepaper

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Wir erläutern die Norm.

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Zum Autor des Whitepapers: Altan Dayankac ist DQS-Produktmanager für ISO 45001 und Experte für zahlreiche Nachhaltigkeits- und Arbeitssicherheitsthemen. Seine Expertise bringt er zudem als Autor und Moderator in Umwelt- und Arbeitsschutz-Komitees und zahlreichen Fachveranstaltungen ein.

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Mit welchen Methoden sind Sie an diese anspruchsvolle Aufgabe herangegangen?

Als ehemaliger Operation Manager für Braun Haushaltsprodukte in Europa bin ich es gewohnt, anspruchsvolle Aufgaben zielgerichtet umzusetzen. In diesem Fall habe ich mir allerdings professionelle Unterstützung bei der Fokus-Zukunft GmbH & Co. KG geholt, um die Erfassung und Berechnung meines CCF gemäß dem Greenhouse Gas Protocol auch wirklich korrekt durchzuführen.

Klimaneutrale Webseite

Im Vorfeld hatte ich bereits alle CO2-reduzierenden Maßnahmen im Rahmen meiner Möglichkeiten durchgeführt. Dazu zählt u.a. die Verwendung von Ökostrom, die digitale Buchführung, konsequente Nutzung von digitalen und cloudbasierten Office-Anwendungen, die Schaffung eines klimaneutralen Internetauftritts, die Anschaffung eines EURO-6-Fahrzeugs für Dienstreisen sowie das Mieten von Büroräumlichkeiten, die umweltfreundlich geheizt werden können.

Lesetipp: Dem Chemieunternehmen Zeller + Gmelin ist es gelungen, an seinem Hauptsitz in Eislingen Klimaneutralität zu erlangen. Basis für das erfolgreiche Klimamanagement: zahlreiche Energieeinsparprojekte und ein Zertifikat nach ISO 50001. Mehr im Interview im DQS Blog.

Damit wirtschaften Sie aber noch nicht CO2-neutral.

Richtig! Der CCF ist meine CO2-Bilanz, die als Ausgangsbasis für die Kompensation von nicht vermeidbaren Emissionen dient. Durch die Förderung eines Klimaschutzprojektes zur Erzeugung emissionsfreier Wasserkraft auf dem Fluss Senegal in Mali, also den Kauf von Emissionszertifikaten, gleiche ich die restlichen Emissionen aus.

Klimaneutrales Unternehmen: Können Sie Ihren finanziellen Aufwand beziffern?

Der finanzielle Aufwand hält sich absolut im Rahmen. Das ganze Projekt inkl. externer Unterstützung, des internen Aufwands und Kauf der Zertifikate hat mich ca. 700 Euro gekostet. Darin nicht enthalten ist der CO2-neutrale Internetauftritt, der noch einmal ca. 150 Euro gekostet hat. Insgesamt bin ich damit auf drei Jahre bis 2021 klimaneutral.

Für Seminare, die ich über mein Trainings-Center durchführe, werden immer wieder aktuelle Emissionszertifikate gekauft. Und den Seminarteilnehmern entstehen dadurch keine weiteren Kosten.

Klimaneutrale Veranstaltung

Warum ist es wichtig, ein klimaneutrales Unternehmen zu sein? Mit welchen Argumenten überzeugen Sie andere Organisationen vom klimaneutralen Wirtschaften?

Gute Frage! Ich versuche immer wieder durch Veröffentlichungen auf meiner Homepage, Twitter und Facebook sowie durch entsprechende Presseinformationen, Verantwortliche in meinem Netzwerk für das Thema zu interessieren und z. B. zu vermitteln, dass mit den Emissionszertifikaten nicht nur Emissionen reduziert werden, sondern auch weitere Themen der sog. „17 Nachhaltigkeitsziele“ Unterstützung und Förderung erfahren.

Ich versuche KMU für das Thema zu begeistern, frei nach dem Motto: Viel hilft viel.

Jörg Roggensack

Ich versuche KMU für das Thema zu begeistern, frei nach dem Motto: Viel hilft viel. Wenn KMU das Thema annehmen, dann schaffen wir über die Menge mehr als große Unternehmen, die sich jetzt verstärkt das mittelfristige Ziel setzen, klimaneutral zu werden. Insgesamt ist beim Thema Nachhaltigkeit aber noch viel Luft nach oben.

Welche Herangehensweise empfehlen Sie Unternehmen, die sich mit dem Thema erstmals beschäftigen wollen?

Interessierte Unternehmen sollten sich einen entsprechenden Partner suchen und das Rad nicht neu erfinden wollen. Sicherlich können größere Unternehmen in Stabsfunktionen qualifizierte Mitarbeiter einstellen, um die entsprechenden Berechnungen gemäß Greenhouse Gas Protocol (besonders für kleine Unternehmen) oder ISO 14064-1 selbst durchzuführen.

Aus der Sicht des Projektmanagements und um die Kosten unter Kontrolle zu halten, ist die Zusammenarbeit mit Profis an dieser Stelle mehr als hilfreich und zielführend. Ein guter Dienstleister ermittelt zunächst den CCF und schlägt Verbesserungsmaßnahmen vor. Unternehmen, die bereits nach EMAS, ISO 14001 oder ISO 50001 zertifiziert sind, haben hier klare Vorteile.

Klimaneutralität: Suchen Sie sich einen Partner – und erfinden Sie das Rad nicht neu.

Jörg Roggensack

Wenn die Verbesserungen durchgeführt wurden, wird der CCF erneut ermittelt; erst dann findet eine Kompensation über Emissionszertifikate statt. Selbstverständlich stehe auch ich interessierten KMU als erster Ansprechpartner gern zur Verfügung.

Herr Roggensack, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch zum Thema klimaneutrales Unternehmen!

über:JR Management Services & Qualifizierung
Gründung 2005, seit 2017 Vollzeit
Mitarbeiter 1,5
Umsatz 2019 160.000 €
Unternehmenstätigkeit Unterstützung von KMU zur Schaffung einer nachhaltig und erfolgreich operierenden Organisation durch Auditierung, Beratung und Qualifizierung sowie Coaching.
Besonderheiten Alle Dienstleistungen und Seminare werden klimaneutral durchgeführt.
Sonstiges DQS-Leadauditor für ISO 9001 und ISO 14001, EMASeasyTM-Berater, Berater Offensive Mittelstand, EFQM Master Assessor.

Fazit

Auch kleine und kleinste Unternehmen können ihre CO2-Bilanz auf Null bringen. Bewährt hat sich hierbei die sogenannte Wesentlichkeitsanalyse, mit der die relevanten CO2-Reduktionspotenziale ermittelt und in der Folge die Maßnahmen für die Reduzierung von CO2-Emissionen abgeleitet werden, z.B. Einsatz von Ökostrom, Einsatz moderner, effizient arbeitender Geräte, umweltfreundliches Heizen, umweltfreundliches Fahren bzw. Transportieren und Nutzung digitaler Technik etc.

Für die korrekte Erfassung / Berechnung des danach noch bestehenden Corporate Carbon Footprint (CCF) empfiehlt sich die Einbindung eines Spezialisten, der dies entlang geeigneter Regelwerke wie GHG Protocol oder ISO 14064-1:2018 vornimmt.

Zum Ausgleich der aus dem CCF berechneten CO2-Emissionen können durch den Kauf von Zertifikaten geeignete, auf die Reduktion von CO2-Emissionen gerichtete Projekte unterstützt werden. Damit kann schließlich Klimaneutralität erreicht werden.

Doch bei der Auswahl der Zertifikate und Klimaschutzprojekte ist Vorsicht geboten. Auf dem Markt sind zwischenzeitlich auch viele unseriöse Anbieter unterwegs.

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